SStrategie[02_06]

Geschmack: Dein letzter Vorteil gegen KI

Warum Urteilsvermögen der entscheidende Wettbewerbsvorteil im KI-Zeitalter ist – und wie man es schärft

Geschmack: Dein letzter Vorteil gegen KI

Geschmack im digitalen Zeitalter: Wer entscheidet, was gut ist?

Auf einen Blick

  • Geschmack hat zwei Dimensionen: persönliche Vorlieben und kulturelles Urteilsvermögen – beide sind für Führungskräfte relevant
  • KI übernimmt die Ausführung, aber nicht die Auswahl – wer guten Geschmack hat, trifft bessere Entscheidungen
  • McKinsey-CEO Sternfels: 'In KI-Modellen steckt keine Wahrheit, kein Urteilsvermögen – das müssen Menschen einbringen'

Das solltest du tun

  1. 1Aktiv gestalten statt passiv konsumieren: Eigene Projekte starten, um den Blick für Qualität zu schärfen
  2. 2Bei jeder Entscheidung das 'Warum' artikulieren – das trainiert systematisches Urteilsvermögen
Relevant für:
CEOManagerKreativ

Je leistungsfähiger KI-Werkzeuge werden, desto öfter hört man: Geschmack ist der neue Burggraben. Das Geheimrezept. Der Unterschied zwischen austauschbar und unersetzlich.

Doch was bedeutet "Geschmack" eigentlich – jenseits von Mode und Design? Und warum wird er gerade jetzt zum strategischen Vorteil? Der Autor Jack Cheng hat diese Frage in einem viel beachteten Essay untersucht. Seine Erkenntnis: Wir vermischen zwei sehr unterschiedliche Dinge, wenn wir über Geschmack reden.

Zwei Arten von Geschmack

Cheng unterscheidet zwei Dimensionen, die im Alltag oft verschmelzen:

1. Persönlicher Geschmack
Was du magst und was nicht
Entsteht durch angesammelte Erfahrungen. Funktioniert wie ein Filter: Bei zu vielen Optionen hilft er sofort auszusortieren. Alles, was "nicht ich" ist, fällt weg.
2. "Guter" Geschmack
Was als geschmackvoll gilt
Kulturell geprägt und gruppenabhängig. In der Tech-Branche: eleganter Code. Im Design: klare Linien. Eng verknüpft mit Status und Expertise.

Persönlicher Geschmack ist ein Leuchtturm: Er hilft dir, Gleichgesinnte zu finden – und ihnen, dich zu finden. Der Kulturjournalist Kyle Chayka beschreibt in seinem Buch Filterworld Geschmack als "ein Wort dafür, wie wir Kultur messen und unser Verhältnis zu ihr beurteilen."

"Guter" Geschmack dagegen ist komplizierter, weil er von Gruppen definiert wird. Der Kulturautor W. David Marx nennt ihn einen "umstrittenen Begriff frustrierender Unschärfe" – und zeigt in Status and Culture, dass kultureller Geschmack eng mit Hierarchie und Status zusammenhängt.

Warum Geschmack jetzt zum Wettbewerbsvorteil wird

Wenn KI Texte schreibt, Code erzeugt, Bilder generiert und Analysen erstellt – was bleibt dann für den Menschen? Die Antwort: Entscheiden, was gut ist.

Der Shift: Führungskräfte verbringen weniger Zeit mit Erstellung und mehr mit Auswahl und Urteilsvermögen. Der Fachbegriff dafür: von Execution (Ausführung) zu Curation (Auswahl und Zusammenstellung).

McKinsey-CEO Bob Sternfels bringt es auf den Punkt:

In KI-Modellen steckt keine Wahrheit, kein Urteilsvermögen. Menschen müssen diese Parameter vorgeben.

Und auch die Marktforscher von Gartner warnen: Bis 2026 werden voraussichtlich 50 % aller Unternehmen weltweit spezielle Fähigkeitstests ohne KI-Hilfsmittel einführen – weil kritisches Denken durch den ständigen Einsatz von KI-Tools verkümmern kann.

Geschmack entsteht durch Machen

Investor und Designer Willem Van Lancker – ehemals Google Maps, heute Partner bei der Investmentfirma Terrain – sagt: Geschmack ist ein Produkt von Reibung. Verdient durch Machen und wiederholtes Urteilen.

Jack Cheng illustriert das mit Steve Jobs: Bevor seine Familie eine neue Waschmaschine kaufte, diskutierte Jobs angeblich zwei Wochen lang beim Abendessen über Wasserverbrauch, Lautstärke, Langlebigkeit und ökologischen Fußabdruck. Am Ende wählte die Familie ein deutsches Miele-Set. Jobs sagte später: "Ich hatte mehr Freude daran als an jedem High-Tech-Gerät seit Jahren."

Die Botschaft: Geschmack entsteht nicht durch Konsum, sondern durch bewusstes Auseinandersetzen. Wer selbst etwas baut, entwickelt einen schärferen Blick:

Lesen wie ein Autor

Wer selbst schreibt, liest anders. Man bemerkt Perspektivwechsel, Tonalität, Satzrhythmus – Dinge, die einem als reiner Leser entgehen.

Nutzen wie ein Builder

Wer selbst Apps baut, bemerkt plötzlich jede Design-Entscheidung: den Übergang zwischen Screens, die Dicke eines Button-Rands, das Timing einer Animation.

Entscheiden wie ein Stratege

Wer regelmäßig Entscheidungen trifft und reflektiert, entwickelt ein Gespür dafür, was in welchem Kontext funktioniert – und was nicht.

KI als Beschleuniger für Geschmack

Hier kommt der überraschende Twist: KI-Tools könnten uns tatsächlich helfen, besseren Geschmack zu entwickeln.

Cheng argumentiert: KI kann uns von der "Ursünde der sozialen Medien" erlösen – dem passiven Konsum. Wenn jeder mit KI-Hilfe Texte schreiben, Apps bauen oder Designs erstellen kann, werden mehr Menschen zu aktiven Gestaltern. Und wer gestaltet, entwickelt automatisch einen schärferen Blick.

Ein Beispiel aus der Praxis: OpenAI hat für $6,5 Mrd. die Firma von Jony Ive übernommen – dem legendären Apple-Designer hinter iPhone, iMac und iPod. Sein Auftrag: Die kreative Leitung des gesamten OpenAI-Designs. Ein klares Signal, dass selbst der führende KI-Konzern der Welt glaubt: Design-Geschmack ist der entscheidende Differenzierer für KI-Produkte.

Die Gegenposition: Wird KI bald selbst "Geschmack" haben?

Nicht alle teilen den Optimismus. Julie Zhuo, ehemalige Vizepräsidentin für Design bei Facebook, argumentiert in ihrem Essay "When AI Has Better Taste Than You": KI-Systeme könnten beim Urteilsvermögen schneller aufholen als erwartet.

Ihr Argument: Wenn Geschmack letztlich auf Mustererkennung basiert – dem Erkennen, was in einem bestimmten Kontext funktioniert – dann ist das genau das, worin KI exzelliert.

Chengs Antwort darauf: Selbst wenn das stimmt, bleibt der Weg zum besseren Geschmack derselbe.

Drei Schritte zu besserem Geschmack

  • 1.
    Machen, nicht nur konsumieren

    Texte schreiben statt nur lesen. Prototypen bauen statt nur bewerten. Entscheidungen treffen statt nur analysieren. Jedes eigene Projekt schärft den Blick für Qualität.

  • 2.
    Das "Warum" artikulieren

    Nicht nur entscheiden, sondern begründen. Ist es die Klarheit? Die Einfachheit? Die Überraschung? Wer benennen kann, warum etwas gut ist, baut ein Werkzeugset für bessere Entscheidungen.

  • 3.
    Bewusst Erfahrungen sammeln

    Branchenfremd lesen. Andere Perspektiven suchen. Reisen, Gespräche, neue Tools ausprobieren – jede neue Erfahrung erweitert das Repertoire, aus dem guter Geschmack entsteht.

Fazit

KI übernimmt immer mehr von der Ausführung. Was bleibt, ist die Fähigkeit zu entscheiden: Was ist gut? Was ist relevant? Was passt? Diese Fähigkeit – Geschmack – entsteht nicht durch passiven Konsum, sondern durch aktives Gestalten und bewusstes Reflektieren. Für Führungskräfte bedeutet das: Wer sein Urteilsvermögen trainiert, investiert in den Wettbewerbsvorteil, den keine KI ersetzen kann.

Quellen