ADeep Dive[02_03]

Compound Engineering – Wenn KI die Software baut

Wie das Unternehmen Every Software entwickelt, bei der 100 % des Programmcodes von KI-Agenten geschrieben wird – und Menschen nur noch steuern und prüfen

Compound Engineering – Wenn KI die Software baut

Auf einen Blick

  • 80 % der Arbeit entfallen auf Planen und Bewerten – nur 20 % auf das eigentliche Programmieren
  • Eine Person kann heute die Arbeit von 5 Entwicklern leisten, wenn das System richtig aufgesetzt ist
  • Jede neue Funktion macht die nächste leichter umsetzbar – weil das Wissen im System wächst (der sogenannte Compound-Effekt)

Das solltest du tun

  1. 1Vor dem Programmieren immer zuerst einen strukturierten Plan erstellen lassen
  2. 2Erkenntnisse aus jedem Projekt systematisch dokumentieren, damit künftige KI-Durchläufe davon profitieren
Relevant für:
ITProduktentwicklungCTO

Was passiert mit der Softwareentwicklung, wenn 100 Prozent des Programmcodes von KI-Agenten geschrieben werden – und kein Mensch mehr selbst programmiert?

Das Unternehmen Every musste sich genau diese Frage stellen. Ihre KI-gestützten Werkzeuge wurden so leistungsfähig, dass kein Mitarbeiter mehr selbst Programmcode schreibt. Stattdessen steuern Menschen die KI – ähnlich wie ein Architekt nicht selbst Ziegel legt, sondern den Bauplan erstellt und die Qualität überwacht.

Ein grundlegender Wandel in der Softwareentwicklung

Bisher galt: Programmieren ist schwierig und gute Entwickler sind rar. Wenn KI diese Engpässe beseitigt, werden viele bisherige Arbeitsweisen überflüssig. Das ist vergleichbar mit dem Übergang von der Handschrift zur Textverarbeitung: Nicht das Schreiben selbst ist die Kernkompetenz, sondern das Denken dahinter.

Um mit diesen neuen Möglichkeiten umzugehen, hat Every eine neue Arbeitsweise entwickelt: Compound Engineering (auf Deutsch etwa: „sich selbst verstärkendes Entwickeln").

Was ist Compound Engineering?

Bei herkömmlicher Softwareentwicklung wird ein System mit jeder neuen Funktion komplizierter – wie ein Haus, an das immer neue Anbauten kommen. Beim Compound Engineering ist es umgekehrt:

Jede neue Funktion macht die nächste leichter umsetzbar.

Warum? Weil Fehler, Prüfergebnisse, Erkenntnisse und Problemlösungen dokumentiert werden – und künftigen KI-Agenten automatisch zur Verfügung stehen. Wie ein Erfahrungsschatz, der immer weiter wächst.

Die Ergebnisse bei Every – in Zahlen

Was hat diese Arbeitsweise konkret gebracht? Every betreibt heute fünf eigenständige Softwareprodukte – und jedes wird von nur einer einzigen Person betreut. Früher hätte man dafür fünfmal so viele Mitarbeiter gebraucht.

5
fertige Produkte im Einsatz
1
Person betreut je ein Produkt
5x
produktiver als vor wenigen Jahren

Wenn KI richtig eingesetzt wird, kann eine einzelne Person heute das leisten, wofür man vor wenigen Jahren ein ganzes Fünfer-Team gebraucht hätte.

Der 4-Schritt-Kreislauf

Ein Mensch in der Rolle des „Compound Engineer" steuert mehrere KI-Agenten gleichzeitig – ähnlich wie ein Dirigent ein Orchester leitet. Die Agenten übernehmen Planung, Programmierung und Qualitätsprüfung:

01. Planen

40% der Zeit

Der wichtigste Schritt

KI-Agenten analysieren den bestehenden Programmcode und seine Änderungshistorie (also: wer hat wann was geändert und warum). Dazu recherchieren sie bewährte Lösungsansätze aus der Branche. Ergebnis: Ein detailliertes Planungsdokument – vergleichbar mit einem Bauplan, bevor das Haus gebaut wird.

02. Arbeiten

20% der Zeit

Der einfachste Schritt

Der KI-Agent zerlegt den Plan in einzelne Aufgaben, schreibt den Programmcode und erstellt automatische Prüfungen (sogenannte Tests). Er kann die fertige Software sogar selbst bedienen – so wie ein echter Nutzer es tun würde.

03. Bewerten

30% der Zeit

Qualitätssicherung

Automatische Prüfprogramme kontrollieren den Code auf Fehler und Stil. Dazu kommen manuelle Prüfungen durch Menschen. Zusätzlich analysieren bis zu 12 spezialisierte KI-Helfer den Code aus verschiedenen Blickwinkeln: Ist er sicher? Ist er schnell? Ist er gut aufgebaut?

04. Wissen aufbauen (Compound)

10% der Zeit

Der entscheidende Schritt

Alle Erkenntnisse fliessen zurück ins System. Fehler, Lösungen und bewährte Vorgehensweisen stehen künftigen KI-Agenten automatisch zur Verfügung. Wie ein Firmenhandbuch, das sich selbst schreibt und immer besser wird.

Kernaussage: Etwa 80 % der Arbeit entfallen auf Planen und Bewerten – also auf Denkarbeit. Nur rund 20 % entfallen auf das eigentliche Programmieren. Das bedeutet: Die wichtigste Fähigkeit ist nicht mehr das Schreiben von Code, sondern das klare Denken und Steuern.

Schritt 1: Planen – Die wichtigste Aufgabe

Wenn KI-Agenten den Programmcode schreiben, wird Planung zur wichtigsten menschlichen Aufgabe. Vergleichbar mit einem Bauprojekt: Der Architekt plant, die Bauarbeiter setzen um. Ein guter Plan beginnt mit Recherche:

  • Der KI-Agent analysiert den bestehenden Programmcode und seine Änderungshistorie (wer hat wann was geändert und warum)
  • Er recherchiert bewährte Lösungsansätze aus der Branche zum jeweiligen Problem
  • Daraus entsteht ein Planungsdokument mit Ziel, Systemaufbau, Umsetzungsideen, Quellen und messbaren Erfolgskriterien
Gute Planung ist keine reine Delegation. Sie erfordert aktives Denken, Kreativität und klare Steuerung vom Menschen. Die KI liefert Vorschläge – der Mensch entscheidet.

Schritt 2: Arbeiten – Der einfachste Teil

Der Mensch gibt das Startsignal. Der KI-Agent zerlegt den Plan in einzelne Aufgaben, schreibt den Programmcode, erstellt automatische Prüfungen und verbessert sich schrittweise selbst.

KI-Agenten können Software selbst bedienen

Über sogenannte Schnittstellen-Protokolle (im Fachjargon: „Model Context Protocols" oder kurz MCP) kann der KI-Agent Anwendungen selbst bedienen – genau wie ein menschlicher Nutzer es tun würde. Er klickt sich durch die Software, testet Funktionen und erkennt Probleme. Das beschleunigt die Entwicklung erheblich, besonders bei Themen wie Benutzeroberfläche und Arbeitsabläufen.

Mit den neuesten KI-Modellen ist das Ergebnis oft bereits überraschend nah an der gewünschten Lösung – vorausgesetzt, der Plan in Schritt 1 war gut.

Schritt 3: Bewerten – Automatisch und von Hand

Auch wenn das Ergebnis gut aussieht, muss es gründlich überprüft werden. Every setzt dafür drei Methoden ein:

Automatische Prüfprogramme

Software, die den Code auf Stil-Fehler, Funktionsfehler und Logik-Probleme kontrolliert – vergleichbar mit der Rechtschreibprüfung in Word, aber für Programmcode

Prüfung durch Menschen

Ein Mensch testet kritische Funktionen selbst, um sicherzustellen, dass alles wie gewünscht funktioniert

KI-Prüfer (Review-Agenten)

Bis zu 12 spezialisierte KI-Helfer, die den Code aus verschiedenen Blickwinkeln analysieren: Ist er sicher? Ist er schnell? Ist er gut aufgebaut?

Schritt 4: Wissen aufbauen – Der eigentliche Mehrwert

Hier entsteht der namensgebende „Compound-Effekt" (Zinseszins-Effekt für Wissen). Alle Erkenntnisse aus Planung, Programmierung und Qualitätsprüfung werden dauerhaft im System gespeichert. Wie ein Firmenhandbuch, das sich nach jedem Projekt automatisch erweitert.

Beispiel: Cora (Every's KI-E-Mail-Assistent)

Bevor eine neue Funktion gebaut wird, prüft der KI-Agent automatisch:

  • • Wo gehört diese Funktion im Gesamtsystem hin?
  • • Gibt es bereits ähnliche Lösungen, die wiederverwendet werden können?
  • • Welche Fehler wurden bei früheren Projekten gemacht – und wie vermeidet man sie?

Das Wissen wächst automatisch mit jedem Projekt und steht dem gesamten Team zur Verfügung. Neue Mitarbeiter profitieren vom ersten Tag an vom gesammelten Erfahrungswissen der Organisation.

Ausblick: Was sich dadurch für Unternehmen ändert

  • 1.Qualitätsprüfungen entstehen automatisch – KI-Agenten erstellen die Prüfungen als festen Teil des Arbeitsprozesses. Das spart Zeit und erhöht die Qualität.
  • 2.Neue Mitarbeiter sind schneller produktiv – Das System enthält gesammeltes Erfahrungswissen. Die Einarbeitungszeit verkürzt sich deutlich.
  • 3.Veraltete Software verliert ihren Schrecken – KI-Agenten können sich in alte, komplexe Systeme einarbeiten, die bisher niemand anfassen wollte.
  • 4.Abhängigkeit von einzelnen Technologien sinkt – Der Wechsel zu neuen Werkzeugen oder Programmiersprachen wird einfacher, weil KI die Umstellung übernehmen kann.

Quelle

Every: Compound Engineering – How Every Codes With Agents